georg klein
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mirrorsongs
2010
Installation mit 9 Spiegeln und 9 Laut-sprechern an einer Gefängnisfassade des Sinop Kale Cezaevi
mit 7 jugendlichen Sängern aus Sinop: Gülser Çetin, Dogukaan Ayyıldız, Ruhi Celal Demirtas, Gökhan Özlan, Tugba Tunç, Tuba Verir, Alican Yılmazer


9-kanal audio-loop: 9 min.
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Das Gefängnis von Sinop („Sinop Kale Cezaevi”) zählt zu den berühmt-berüchtigsten der Türkei, mit politischen Häftlingen, darunter viele Schriftsteller und Künstler. Seit Ende der 90er Jahre aufgegeben, dient es jetzt als Museum und Filmlocation für TV-Serien. An der Fassade des Trakts für Jugendliche ("Çocuk Islah Evi") wurde eine ortsspezifische Klanginstallation entwickelt, die mit türkischen Liedern arbeitet.

Lieder sind eine Art soziales Gedächtnis: persönlich und individuell - und zugleich mit einer gemeinschaftlichen, öffentlichen Dimension. Für das SINOPALE Projekt wurden junge Leute aus Sinop angesprochen, welches Lied sie einem Freund im Gefängnis zukommen lassen würden, und ob sie dieses Lied selbst singen könnten. So entstanden Aufnahmen in einer sehr einfachen, persönlichen Form, die für die Installation zu einer Collage verarbeitet wurden und an der Fassade des Jugendgefängnisses zu hören sind. Die Lieder, die von den Jugendlichen ausgewählt wurden, sind z.T. aktuelle populäre Songs, z.T. stammen sie von berühmten, türkischen Dichtern, wie Sabahattin Ali, der selbst in diesem Gefängnis eingesperrt war und dort sein Gedicht „Aldırma Gönül“ – „Klage nicht, Herz“ verfasste, das von zwei Jugendlichen gemeinsam gesungen wurde.

Am Jugendgefängniss sind in die 9 großformatigen Gitterfenster an der Front Spiegel eingesetzt worden. Die glatten und sauberen Spiegelflächen stellen einen Kontrast zu der rauhen, verwitterten Fassade dar. Sie verbergen das Innere und reflektieren das Äußere. Steht man vor der Fassade, so sieht man von außen, was ein Gefangener von innen sah: die Gefängnismauern, die Stadt, das Meer, den blauen Himmel – ein utopisches Bild, das sich in die Gefängnisfassade hineinspiegelt. In jedem Spiegel befindet sich ein Loch mit einem dahinter verborgenen Lautsprecher. Aus diesen Lautsprechern, quasi aus dem Inneren des opak verspiegelten Gefängnisses, dringen die einzelnen Stimmen (9-kanalig), so dass die ganze Fassade zu singen scheint, allerdings bruchstückhaft verweht und bisweilen in kleinste, abstrakte Sounds zerstückelt und bis zur Unkenntlichkeit gefiltert.

Beides, die Spiegel wie auch die Lautsprecher, sind als reflektorische Mittel eingesetzt, die die gesamte Fassade in eine klingende Skulptur verwandeln. Sie erzeugen eine melancholische Stimmung an diesem windigen, verlassenen Ort, der voller unguter und grausamer Erinnerungen ist und zugleich ein Ort der Sehnsucht und Hoffnung.
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